Wer einen hund hat, kennt diesen moment: das tier schmiegt sich an die beine seines besitzers, lehnt seinen körper sanft gegen ihn und verharrt dort, als suche es halt. Dieses verhalten wirft eine frage auf, die forscher seit jahren beschäftigt – was steckt wirklich dahinter ? Verhaltenswissenschaftler der universität Wien haben sich intensiv mit der mensch-hund-beziehung befasst und dabei erkenntnisse gewonnen, die das bild des hundes als soziales wesen neu beleuchten.
Das verhalten des anlehnens bei hunden verstehen
Was genau bedeutet anlehnen ?
Wenn ein hund sich an seinen besitzer lehnt, handelt es sich nicht um ein zufälliges verhalten. Es ist eine bewusste körperliche geste, bei der das tier seinen körper – meist die flanke oder den kopf – gegen die beine oder den körper eines menschen drückt. Dieses verhalten tritt in verschiedenen situationen auf: bei begrüßungen, in unbekannten umgebungen, aber auch einfach beim entspannen zu hause.
Körpersprache als kommunikationsmittel
Hunde verfügen über ein reiches repertoire an körpersprachlichen signalen. Das anlehnen gehört zu den direkten kontaktsignalen und unterscheidet sich deutlich von anderen verhaltensweisen wie dem wedeln mit dem schwanz oder dem aufstellen der ohren. Es ist eine form der stiller kommunikation, die ohne laut auskommt und dennoch eine klare botschaft übermittelt. Forscher unterscheiden dabei zwischen einem anlehnen aus sicherheitsbedürfnis und einem anlehnen als ausdruck von zuneigung.
Häufigkeit und kontext des verhaltens
Beobachtungen zeigen, dass hunde besonders häufig anlehnen, wenn:
- sie sich in einer fremden oder stressigen umgebung befinden
- sie nach einer langen trennung wieder mit ihrem besitzer vereint sind
- sie müde oder krank sind
- sie schlicht nähe und wärme suchen
Diese kontextabhängigkeit gibt forschern wichtige hinweise auf die funktion des verhaltens und seine emotionale grundlage.
Um die tiefere bedeutung dieses verhaltens zu verstehen, muss man sich jedoch fragen, welche emotionen dabei eine rolle spielen – und genau das haben wissenschaftler gezielt untersucht.
Emotionale bedeutung des anlehnens bei hunden
Bindung und sicherheit
Das anlehnen ist eng mit dem bindungsverhalten verknüpft. Ähnlich wie kleine kinder, die sich bei unsicherheit an ihre bezugsperson klammern, suchen hunde durch körperlichen kontakt stabilität und beruhigung. Der besitzer dient dabei als sogenannte sichere basis – ein konzept, das ursprünglich aus der bindungstheorie des entwicklungspsychologen john bowlby stammt und auf die mensch-hund-beziehung übertragen wurde.
Ausdruck von vertrauen
Ein hund, der sich anlehnt, zeigt damit auch, dass er seinem gegenüber vertraut. Dieses verhalten erfordert eine gewisse verletzlichkeit: das tier gibt seine körperliche kontrolle teilweise ab und verlässt sich darauf, dass der mensch es schützt. Hunde, die traumatisiert wurden oder wenig sozialisiert sind, zeigen dieses verhalten deutlich seltener.
Stress und beruhigung
Studien belegen, dass körperlicher kontakt bei hunden die ausschüttung von oxytocin fördert – einem hormon, das mit bindung, vertrauen und stressreduktion assoziiert wird. Das anlehnen kann also nicht nur ein ausdruck von emotion sein, sondern auch eine aktive strategie des tieres, um sich selbst zu beruhigen.
Diese emotionalen dimensionen haben die forscher in Wien dazu veranlasst, das verhalten systematisch zu untersuchen und in größere wissenschaftliche zusammenhänge einzuordnen.
Studien der universität Wien über hunde
Das messerli forschungsinstitut als pionier
Das messerli forschungsinstitut der universität Wien gilt als eines der führenden zentren für die erforschung der mensch-tier-beziehung. Dort arbeiten biologen, psychologen und veterinärmediziner zusammen, um das verhalten von hunden in bezug auf ihre menschlichen bezugspersonen zu analysieren. Besonderes augenmerk liegt dabei auf der frage, wie hunde menschliche signale interpretieren und wie sie auf emotionale zustände reagieren.
Experimente zur bindungsforschung
In verschiedenen experimenten wurde untersucht, wie hunde auf trennungen von ihrem besitzer reagieren und welche verhaltensweisen sie zeigen, wenn dieser zurückkehrt. Das anlehnen tauchte dabei regelmäßig als reaktion auf – insbesondere bei hunden, die eine starke bindung zu ihrem besitzer entwickelt hatten. Die forscher stellten fest, dass die intensität des anlehnens mit der stärke der bindung korreliert.
Erkenntnisse über soziale kognition
Die wiener forschungsgruppe hat außerdem gezeigt, dass hunde in der lage sind, emotionale zustände von menschen zu erkennen und darauf zu reagieren. Ein trauriger oder gestresster besitzer löst bei vielen hunden ein verstärktes anlehnverhalten aus – als würde das tier intuitiv verstehen, dass sein mensch unterstützung braucht. Diese fähigkeit zur empathischen reaktion hebt hunde von vielen anderen haustieren ab.
Diese erkenntnisse sind nur vollständig zu verstehen, wenn man die besondere natur der bindung zwischen mensch und hund genauer betrachtet.
Der einfluss der mensch-hund-bindung
Eine jahrtausendealte beziehung
Die domestizierung des hundes begann vor schätzungsweise 15.000 bis 40.000 jahren. Im laufe dieser langen koevolution haben hunde eine außergewöhnliche fähigkeit entwickelt, menschliche signale zu lesen und auf sie zu reagieren. Diese anpassung geht weit über das reine gehorchen hinaus – sie umfasst auch emotionale resonanz und soziale intelligenz.
Bindungstypen und ihre auswirkungen
Nicht alle hunde lehnen sich gleich stark an. Forscher unterscheiden verschiedene bindungstypen:
- sicher gebundene hunde zeigen anlehnen als ausdruck von zuneigung und wohlbefinden
- ängstlich gebundene hunde lehnen sich häufiger an, oft aus unsicherheit
- vermeidend gebundene hunde suchen seltener körperlichen kontakt
Diese unterschiede hängen von der frühen sozialisation, den erfahrungen des tieres und der qualität der beziehung zum besitzer ab.
Gegenseitigkeit der bindung
Die bindung zwischen mensch und hund ist keine einbahnstraße. Auch beim besitzer werden durch körperlichen kontakt mit dem hund hormone wie oxytocin ausgeschüttet. Das anlehnen des hundes löst beim menschen also nicht nur eine emotionale reaktion aus, sondern verändert auch physiologisch seinen zustand – ein gegenseitiger prozess, der die bindung kontinuierlich stärkt.
Dieses phänomen ist nicht auf hunde beschränkt – andere tierarten zeigen ähnliche verhaltensweisen, die auf vergleichbare soziale mechanismen hinweisen.
Ähnliche verhaltensweisen bei anderen tieren
Pferde und körperkontakt
Pferde sind bekannt dafür, sich gegenseitig zu putzen und aneinander zu lehnen – vor allem innerhalb einer herde. Dieses verhalten dient der stärkung sozialer bindungen und der stressreduktion. Ähnlich wie beim hund kann ein pferd, das eine enge bindung zu seinem reiter entwickelt hat, körperlichen kontakt aktiv suchen.
Primaten und soziale berührung
Bei primaten ist körperliche berührung ein zentrales element sozialer interaktion. Das gegenseitige lausen, anlehnen und umarmen hat bei schimpansen oder bonobos eine wichtige funktion für den zusammenhalt der gruppe. Forscher sehen in diesen verhaltensweisen evolutionäre parallelen zum anlehnverhalten von hunden bei ihren besitzern.
Katzen – ein differenziertes bild
Auch katzen lehnen sich gelegentlich an menschen an, obwohl dieses verhalten weniger ausgeprägt ist als beim hund. Bei katzen gilt anlehnen ebenfalls als zeichen von vertrauen und zuneigung, tritt aber seltener auf und ist stärker von der individuellen persönlichkeit des tieres abhängig.
Das anlehnen eines hundes an seinen besitzer ist also weit mehr als eine niedliche geste. Es ist ein komplexes verhalten, das tief in der evolutionsgeschichte verwurzelt ist und von wissenschaftlern zunehmend als ausdruck einer echten emotionalen bindung anerkannt wird. Die forschungen der universität Wien liefern dazu wichtige belege: hunde sind soziale wesen mit einem feinen gespür für menschliche emotionen, und das anlehnen ist eine ihrer direktesten arten, dies zu zeigen. Wer dieses signal seines hundes bewusst wahrnimmt, versteht nicht nur sein tier besser – er stärkt damit auch eine der ältesten und bemerkenswertesten beziehungen zwischen mensch und tier.



